Vom Schindanger zum Ort der Ruhe – der Alte Friedhof Bockenheim
Vom Schindanger zum Ort der Ruhe – der Alte Friedhof Bockenheim
Wer heute durch die kleine Grünanlage an der Solmsstraße spaziert, entdeckt alte Grabsteine zwischen Bäumen und Efeu. Bänke laden zum Verweilen ein, mitten im geschäftigen Bockenheim. Kaum zu glauben: Genau hier wollte sich vor rund 200 Jahren zunächst kaum jemand beerdigen lassen. Der Grund dafür ist ungewöhnlich – und erzählt eine Geschichte darüber, wie wichtig Vorbilder sein können.
Ein Friedhof, auf den niemand wollte
Anfang der 1820er-Jahre brauchte Bockenheim einen neuen Friedhof. Der bisherige Begräbnisplatz an der Sankt Jakobskirche war zu klein geworden. Am damaligen Rödelheimer Sandweg, der heutigen Solmsstraße, fand sich ein geeignetes Gelände. Der Frankfurter Stadtgärtner Sebastian Rinz (1782–1862) übernahm die Gestaltung.
Doch das Grundstück hatte einen denkbar schlechten Ruf. Es war ein sogenannter Schindanger gewesen – ein Platz, an dem verendete Nutztiere vergraben wurden. Ausgerechnet dort sollten nun die Bockenheimerinnen und Bockenheimer ihre letzte Ruhe finden? Die Begeisterung hielt sich verständlicherweise in Grenzen.
Johann Conrad Rohmer macht den Anfang
Dann trat der wohlhabende Kaufmann Johann Conrad Rohmer auf den Plan. Er bestimmte den neuen Friedhof zu seiner Familiengrabstätte und wurde 1825 dort beigesetzt. Sein Beispiel überzeugte. Weitere Bockenheimer Bürger folgten, und der zunächst gemiedene Begräbnisplatz wurde allmählich angenommen.
Rohmer hatte damit etwas erreicht, was gute Argumente allein offenbar nicht vermocht hatten: Er nahm anderen die Scheu vor dem neuen Ort. Seine Entscheidung gab den Menschen Orientierung. Noch heute erinnert seine Familiengrabstätte mit ihren mächtigen Steineinfassungen an diesen bemerkenswerten Bockenheimer.
Geschichte zwischen alten Steinen
1853 erhielt der Friedhof eine Umfassungsmauer aus Basaltsteinen. Rechts vom Hauptweg steht ein hoher Obelisk, der an drei Bockenheimer erinnert, die im Krieg gegen Frankreich 1870/71 gefallen waren. Auch der Theologe und Beethoven-Biograf Anton Schindler wurde hier bestattet. Bis 1898 fanden auf dem Friedhof Beisetzungen statt. Danach übernahm der neue Bockenheimer Friedhof an der Ginnheimer Landstraße seine Funktion. 1905 ging die Pflege an die Frankfurter Stadtgärtnerei über. Später wurde das Gelände durch Straßenerweiterungen verkleinert und 1916 schließlich in eine öffentliche Parkanlage umgewandelt.
Heute ist der Alte Friedhof ein stiller Rückzugsort. Wo einst niemand begraben werden wollte, sitzen Menschen auf Bänken, lesen, unterhalten sich oder genießen eine kleine Pause. Die verbliebenen Grabsteine erzählen von der Vergangenheit, während ringsum der Alltag weitergeht.
Ein Gedanke fürs Leben: Menschen brauchen Vorbilder
Die Geschichte von Johann Conrad Rohmer lässt mich nachdenklich werden. Wie oft warten wir darauf, dass andere den Anfang machen? Dass jemand den Mut aufbringt, eine ungewohnte Entscheidung zu treffen oder einen neuen Weg einzuschlagen?
Rohmer zeigt, wie viel ein einzelner Mensch durch sein Beispiel bewirken kann. Manchmal braucht es jemanden, der vorangeht, damit andere Vertrauen fassen und folgen. Menschen brauchen Vorbilder – damals wie heute. Auch in unserem Stadtteil, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, sich für andere einzusetzen oder Veränderungen anzustoßen. Vielleicht können wir selbst für andere zu solchen Vorbildern werden.
Und der Alte Friedhof Bockenheim? Er lädt dazu ein, beim nächsten Spaziergang ein wenig länger zu verweilen. Zwischen den alten Steinen gibt es erstaunlich viel über das Leben zu entdecken.
Standort: Alter Friedhof Bockenheim, Solmsstraße, nahe dem Westbahnhof.
Mehr zur Geschichte: In unserem Buch „Sehenswertes Bockenheim – Rundgänge durch den Stadtteil“ von Ruth Krämer-Klink und Otto Ziegelmeier erzählen wir die Geschichte des Alten Friedhofs auf den Seiten 20–23 (Tour 1.7).