Die fliegenden Brathähnchen der St. Jakobskirche

St. Jakobskirche, Frankfurt-Bockenheim: Glasfenster von Charles Crodel

Die fliegenden Brathähnchen der St. Jakobskirche

St. Jakobskirche, Frankfurt-Bockenheim: Glasfenster von Charles Crodel

Wer in der St. Jakobskirche nach oben schaut, entdeckt eine Geschichte in Bildern. Charles Crodel hat sie in Glas gefasst: eine alte Legende vom Jakobsweg, dramatisch erzählt und mit einer Pointe, die man nicht vergisst.

Ein junger Mann kehrt mit seinen Eltern auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus in einem Gasthaus ein. Die Tochter des Wirts verliebt sich in den Pilger. Doch er weist sie ab, weil er an seine Liebste in der Heimat denkt. Ein kleiner, stiller Moment der Treue – und der Anfang des Unglücks.

Am nächsten Morgen ziehen die Eltern schon weiter. Der junge Mann bleibt noch im Gasthaus, füttert die Hühner und will später aufbrechen. Aus Rache versteckt der Wirt einen goldenen Becher in seinem Rucksack. Der Pilger gilt nun als Dieb, kommt ins Gefängnis und wird gehängt.

Als seine Eltern von Compostela zurückkehren, finden sie ihn am Galgen. Doch er lebt. Jakobus, so erzählt der junge Mann, habe ihn die ganze Zeit gestützt.

Im nächsten Fenster folgt die berühmte Pointe. Der Henker sitzt gerade bei gebratenen Hühnern, als man ihm mitteilt, dass der Gehängte noch lebt. Ungläubig ruft er: „Wenn das stimmt, werden meine Brathühner fliegen!“ Prompt flattern die Tiere davon.

So kommen die fliegenden Brathähnchen ins Kirchenfenster von Bockenheim. Die Legende ist heiter, ihr Kern aber ernst: Wer sich nicht verbiegt, wer anderen treu bleibt und Lasten mitträgt, kann unerwartet Hilfe erfahren.

Zum Jakobstag am 25. Juli lohnt sich der Besuch der St. Jakobskirche ganz besonders. Denn mitten in Bockenheim liegt ein Ort, der nicht nur lokal verankert ist, sondern zugleich an einen der großen europäischen Pilgerwege anschließt. Wer hier die Kirche betritt, ist in Bockenheim – und doch auch in einer viel größeren Erzählung von Aufbruch, Wegstrecke und Hoffnung.

Die Legende vom Hühnerwunder ist älter als unser Stadtteil. Und doch berührt sie etwas, das uns sehr gegenwärtig ist: Menschen erleben Unrecht, werden falsch eingeschätzt, übersehen oder vorschnell verurteilt. Manches scheint festgeschrieben, als sei das Urteil längst gesprochen. Und dann geschieht doch etwas, das alles verändert.

Natürlich fliegen im Alltag keine Brathähnchen vom Teller. Aber manchmal hebt sich etwas, das schon erledigt schien: eine Beziehung, ein Mut, eine Hoffnung, ein neuer Anfang. Vielleicht ist das die stille Pointe dieses Fensters. Es schaut freundlich auf die Welt, ohne naiv zu sein. Es kennt die Härte des Lebens – und hält trotzdem Raum frei für das Unerwartete. Schon wegen der fliegenden Brathähnchen lohnt sich ein Besuch der St. Jakobskirche. Und vielleicht auch, um sich daran erinnern zu lassen, dass nicht alles so endgültig ist, wie es zunächst aussieht.

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